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SIM Zitty

September 4th, 2006 Leave a comment Go to comments

Für die aktuelle (Print-)Ausgabe des Berliner Stadtmagazins ZITTY wurde ich gebeten, meine Erfahrungen mit mobiler Technologie im Spreeblick-Alltag aufzuschreiben. Das erste Ergebnis war ein endloses Intro voller ausufernder Eitelkeiten und kleinerer Späßchen, gefolgt von einigen wenigen Zeilen zum Thema. Bin halt Blogger. Die ZITTY hat vernünftigerweise nur die Zeilen zum Thema gedruckt (mit ‘nem schicken großen Foto dafür), die erste Version des Artikels gibt es daher hier, nach dem Klick.

Freiheit?

Mein Verhältnis zu mobiler Technik ist ein ambivalentes. Vermutlich hervorgerufen durch eine Überdosis Batman-Comics, die mich in früher Kindheit dazu brachten einen in meinen Augen überaus realistischen “Bat-Gürtel” aus gelben Überraschungseier-Dosen zu basteln, in denen die überlebenswichtigen Begleiter gelagert und transportiert wurden (Schrauben, Schnüre, Regenwürmer – was man halt so braucht als Sechsjähriger von Welt), kann ich bis heute ein gewisses Faible für alles halbwegs Tragbare, das blinkt, piepst, ordentlich Batteriestrom verbraucht und die Hosentasche derart ausbeult, dass sehr alte Witze provoziert werden, nicht leugnen.

Gleichzeitig jedoch habe ich die Diktatur der Technik schon immer als Belastung empfunden. Schließlich, so meine nicht zuletzt durch wiederholten “Blade Runner”- und “Brazil”-Konsum sowie mehrfache William-Gibson-Lektüre gefestigte Meinung, sollten sich die Maschinen nach den Menschen richten und nicht umgekehrt. Erste Bemühungen der Rebellion gegen diesbezüglich uneinsichtige Technologien endeten in persönlichen Triumphen über den fiesen Ton eines Braun-Weckers und in dadurch verpassten Übersee-Flügen, immerhin aber auch in der unantastbaren Entscheidung meinen Mac niemals gegen einen Windows-Rechner einzutauschen.

Die ersten wirklich tragbaren Mobiltelefone (also diejenigen ohne per Kabel mit dem Handgerät verbundenen Rollkoffer) erschienen mir in den frühen Neunzigern als wirkliche Erlösung. Endlich frei! Nie wieder an einem bestimmten Ort sein müssen, nur um zu telefonieren!

Und so genoss ich die Befreiung aus der Kommunikationsdiaspora namens Festnetz, indem ich dauernd nach einem Platz im Umkreis von weniger als zwei Kilometern meines aktuellen Aufenthaltortes suchte, an dem mein neues Funkgerät Empfang hatte. War an diesem Ort auch noch eine Steckdose vorhanden um den nach zwei Stunden entladenen Akkumulator zu füttern, stand der unbegrenzten Freiheit nichts mehr im Wege und ich konnte endlich darauf warten, dass einer meiner Bekannten bereit war die damals horrenden Gesprächsgebühren für einen Anruf zu bezahlen, der aus den Worten “Kannst du mich hören?” bestand.

Mein erstes “Handy” (die Person, die diesen Begriff in den deutschen Sprachgebrauch einbrachte, sollte für den Rest ihres Lebens mit der Aufgabe der Entfernung von englischen Begriffen aus Marketingkonzepten bestraft werden), sollte nicht mein letztes bleiben. Ganz im Gegenteil, ich wechselte die Geräte wie Privatfernsehsender ihre Werbeslogans und noch heute dürfte in der Empfangshalle von Nokia ein gerahmtes Foto von mir hängen, das den Titel “Kunde des Jahrzehnts” trägt.

Ich war eines der vielen Versuchskaninchen der Mobilfunkindustrie, die man in technischen Fachkreisen “Early Adopters” und im Volksmund “Vollidioten” nennt. Doch die jahrelange Investition von Zeit, Energie, Hirnzellen und einigen tausend Euro hat sich gelohnt. Ich bin davon überzeugt, dass neue Hochtechnologien und tolle Abkürzungen wie UMTS ohne meine Entwicklungskostenzuschüsse nicht hätten realisiert werden können! Und so riecht die aktuelle mobile Gegenwart wenigstens ein klein wenig nach Zukunft und bringt mit einer Verzögerung von nur etwa 15 Jahren die Freiheit, die ich suchte. Selbst wenn sie, wie jede Freiheit, ihren Preis hat.

Denn ich bin bei der Betreuung unseres Weblogs namens Spreeblick tatsächlich nicht mehr dem Diktat der Maschinen unterworfen. Obwohl die Arbeit an einem Online-Magazin nebst Shop relativ konstante Aufmerksamkeit erfordert – minütlich eintreffende Leser-Kommentare wollen gelesen und zeitnah beantwortet, Shop-Bestellungen, Zugriffszahlen oder Server-Probleme registriert werden – bin ich nicht an den Computer auf meinem Schreibtisch gebunden. Ich trage seinen mobilen kleinen Bruder stattdessen in meiner Hosentasche (den Bat-Gürtel habe ich aufgegeben, weil meine Kinder begannen mich auszulachen), und kann, egal wo ich mich gerade befinde, die Kommentare bei Spreeblick per integriertem Web-Browser nicht nur lesen sondern auch darauf reagieren. Ich verspüre Abends beim Kneipenbesuch ein stilles Vibrieren beim Eingang einer auf das Mobiltelefon umgeleiteten Bestellungs-E-Mail, ordere dadurch beflügelt (Einnahmen!) noch ein Bier und sollte das Tippen eines längeren Textes nötig sein, ein Unterfangen, das auf einem Handy leicht zu Fingerkrämpfen führen kann, wird das MacBook aufgeklappt, welches per Bluetooth drahtlos die Verbindung zum Handy aufnimmt und mit durchaus respektabler UMTS-Geschwindigkeit ins Datennetz geht. Wenn ich Empfang habe.

Doch Kommunikation ist eine bidirektionale Bewegung und so sind auch Einträge, Artikel, sogenannte “Postings” von unterwegs kein Problem, Spreeblick-Inhalte können mobil kreiert und ohne nennenswerte Zeitverzögerung der Netz-Welt zur Verfügung gestellt werden. Ein Foto, mit dem Handy aufgenommen und als E-Mail mit kurzem Text versendet, landet direkt auf der Spreeblick-Website und damit auf den Monitoren von potentiell Millionen von Menschen. Eine Sache von Sekunden.
Was in meinem persönlichen Fall meist für mehr oder weniger beeindruckende oder amüsante Alltagsbeobachtungen genutzt wird, hat an anderer Stelle erst kürzlich für Aufmerksamkeit und berechtigte Diskussion in der Medienlandschaft gesorgt: Die aktuellsten Eindrücke der Terroranschläge von London, die selbst von den etablierten Nachrichtenkanälen zitiert wurden, kamen von englischen Bloggern, die ihre Handy-Fotos direkt auf ihre Websites und damit in die Welt schickten.

Während mobile Technologien und ihre Möglichkeiten wie die gerade beschriebenen neue moralische und ethische Fragen aufwerfen können und sollten, ist an ihrer Präsenz nichts zu ändern. Manche Leute finden das alles grundsätzlich bescheuert, Leute wie ich finden das prinzipiell cool und sogar revolutionär. Und haben, was ihren Arbeitsalltag angeht, mehr Zeit für Kaffee und Bier. Und sie haben bei allen gefühlten und realen Vorteilen ihrer mobilen Gadgets vor allem eines gelernt:
Freiheit ist Macht, und vielleicht steht deshalb auf einem der Knöpfe an mobilen Geräten “Power”. Da muss man manchmal etwas länger draufdrücken, damit die Freiheit wirklich einsetzt.

  1. September 4th, 2006 at 13:47 | #1

    Anmerkung zum Handy: Das Wort kommt entgegen landläufiger Meinung sehr wohl aus dem Englischen, wurde aber schon in den Achtzigern in Westdeutschland für tragbare Funkgeräte benutzt, die damals, abgeleitet von “Handy Talkie” auch im englischen Sprachraum so genannt wurden.

    Daß man heute dort nicht Handy zum Mobiltelefon sagt, ist normale Sprachentwicklung. Ein Fremdwort kann im Deutschen durchaus Eigenleben entwickeln.

  2. September 4th, 2006 at 14:04 | #2

    Macht aber alles das Wort nicht hübscher. ;)

  3. September 4th, 2006 at 14:08 | #3

    Da hastu wahrlich recht.

  4. September 4th, 2006 at 14:10 | #4

    Das Wichtigste fehlt: Ein Kauflink zu dem Batman-Gürtel. Ich finde mein moiltelefon auch recht praktisch. Allerdings gibt es eine neuere Entwicklung, bei der sich mir die Fingernägel kräuseln. Die U18-Generation legt ihr Handy in der U-Bahn auf den Schoß und erfreut die Umgebung mit blechernen Geräuschen, meist Hip Hop. Klingelton-Terror für Fortgeschrittene.

  5. September 4th, 2006 at 14:21 | #5

    Sehr erfreulich hier den ganzen Artikel lesen zu können. Hätte sonst echt was gefehlt. Sehr schöne Kombination von (ein wenig) Information, (viel) Geschmunzel und einer herrlichen Pointe mit philosphischen Ambitionen.
    Hail to the Early Adopters (werde ich auch mal wenn ich groß bin und Geld habe)

  6. September 4th, 2006 at 14:27 | #6

    Weltenweiser, ich kann mich an Kofferradios erinnern… das hat auch genervt. Und das soll es ja auch. Sonst würde man ja die Kopfhörer benutzen, aber dann ärgert sich keine einziger Erwachsener. ;)

  7. seb
    September 4th, 2006 at 14:48 | #7

    Der Schweizer – er kennt kein “Handy”. Nicht, weil dort, wie oft behauptet, die Entwicklung langsamer fortschreitet, sondern weil das “mobile Ding” dort “Natel” heisst. Abgeleitet von dem ersten schweizer Mobiltelefon, dem “Nationalen Autotelefon”.

  8. September 4th, 2006 at 17:22 | #8

    Wiebitte???

    Handy ist doch ein wunderschönes Wort, klingt sehr weich und modern.

    Überleg doch mal, dass die Angelsachsen (die ohnehin jeden Morgen ein Programm namens “Fenster” starten..) mit einem “Zellenphon” telefonieren, und auch im Englischen ist cell ja nicht nur die Funkzelle, sondern auch die Gefängsniszelle.
    cell =
    i cell [biol.] die Dose
    i cell [biol.] das Element
    i cell [telecom.] die Funkzelle
    i cell die Klause Mönchszelle
    i cell [chem.] die Küvette
    i cell [comp.] die Speicherzelle i
    i cell die Zelle

    Also da ist ja nun wirklich *gar nichts* angenehmes dabei (es sei denn, man findet eine Küvette besonders toll…), mit einem Mönchsklausenphon zu telefonieren (übrigens auch ein schöner Treppenwitz, das es so ein Symbol der Weltabgewandtheit in ein so modernes Kommunikationsgerät geschafft hat).

    Also mal nicht so sehr deutsche Inferiorität aufgrund des doch ganz witzigen “Handies” geübt, sondern (klingt ja bei euch auch an) staunen über die deutsche Sprachkreativität / -aneignung.

    So, jetzt gehe ich wieder an mein Küvettenphon.

  9. September 4th, 2006 at 19:04 | #9

    *räusper*
    cell phone ist die Abkürzung von cellular phone…
    Also noch verwirrender…
    Da finde ich die britisch-englische Variante immer weitaus treffender…

  10. westernworld
    September 4th, 2006 at 21:43 | #10

    @johnny, die japaner nennen es ketai wenn dir das besser gefällt.

  11. September 4th, 2006 at 22:36 | #11

    *verschluck*
    Ja klar, aber nun heißt es cellphone, oder?
    [Wenn die Leute immer die ursprüngliche Wortbedeutung wüßten/mitdenken könnten, dann könnten wir uns ja Grimms Wörterbuch und vieles mehr sparen...]
    Schöne Beispiele dafür in .

    Wohl erschöpfend zum Thema “Handy”: Mobile phone terms across the world

    Mit gefällt am besten: Di động or mobile in Vietnam.
    Wir hätten das Ding auch Dingdong nennen sollen…

  12. September 4th, 2006 at 22:45 | #12

    Ist ja gerade herausfordernd mit dem Vietnamesischen…

    “Di động” wird “Ji dong” ausgesprochen, wobei das o aus dem dong eher ein “ao” ähnelt, das man mit einem tiefem Laut anfängt und dann höher zieht. ;)

  13. September 5th, 2006 at 09:11 | #13

    Und wo wir gerade bei der Semantik sind: Das heißt “Early Adopters” und nicht “Early Adaptors”, es sei denn, Du bist ein SCART-Kabel oder so etwas.

  14. September 5th, 2006 at 11:12 | #14

    Im Französischen nennt man es “portable”. Dann haben wir ja bald alle Länder durch.

  15. September 5th, 2006 at 12:38 | #15

    Aua! Die Adapter sind korrigiert, danke für den Hinweis!

  16. September 5th, 2006 at 15:59 | #16

    Im Niederländischen heißt es zaktelefoon (gesprochen wie “Sacktelefon”) also Taschentelefon oder etwas gebräuchlicher: mobieltje. Mag ich auch lieber, als Handy.

    Grüße Markus

  17. September 6th, 2006 at 10:10 | #17

    Man muss ja froh sein, dass es nicht “Mobi” heißt…

  18. September 7th, 2006 at 12:36 | #18

    Wenn die Telekom noch Post heissen wuerde und diese noch staatlich waere wuerde es in Deutschland “Elektronisches Geraet zur standortunabhaengigen sprachlichen und textuellen Kommunikation per Funkwellen” heissen.

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